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Ausgangspunkt und Ziel der Untersuchung

Ausgangspunkt

Mit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung durch die Bundesrepublik Deutschland wurde eine neue Gesetzesgrundlage geschaffen, nach der auch Kindern und Jugendlichen mit Behinderung Zugang zum allgemeinen System der Bildung und Erziehung zu gewährleisten ist, angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen zu treffen sind und die notwendige Unterstützung für eine erfolgreiche Bildung zu leisten ist (Gesetz zum Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006 über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, Art. 24).

Bereits jetzt werden Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet, unter ihnen auch solche mit Störungen im autistischen Spektrum. Ihre besonderen Erschwernisse, vor allem die Beeinträchtigung der sozialen Kommunikation und Interaktion und ihre besonderen Verhaltensmuster stellen eine große Herausforderung im schulischen Feld dar. Ihre Bildungsteilhabe ist nur durch individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen zu gewährleisten, wie es auch Art. 24 (e) der UN-Behindertenrechtskonvention vorsieht und wie sie sich aus dem individuellen Rechtsanspruch auf Eingliederungshilfe ergibt. In vielen Fällen wird dem in Form von schulischer Assistenz/Schulbegleitung Rechnung getragen. Diese Assistenz wird durch außerschulische Leistungsanbieter im Rahmen einer gesetzlich geregelten Einzelfallhilfe (Eingliederungshilfe) geleistet. Sie bewegt sich zwischen Ansprüchen und Erwartungen ihres Trägers, der Schüler, der Eltern und Lehrer. In vielen Fällen sind auch Therapeuten eingebunden, die mit ihrer Expertise alle Seiten zu unterstützen versuchen.

Den Autismus Landesverband e.V. erreichen viele Anfragen und Beschwerden von Eltern, die den Schulbesuch ihrer Söhne und Töchter bzw. deren Schulbegleitung betreffen. Eltern sind in vielen Fällen unzufrieden mit der Unterstützung, die sie erfahren und sorgen sich, weil die Potenziale ihrer Kinder in ihren Augen nicht ausreichend berücksichtigt werden; viele Jungen und Mädchen mit Autismus-Spektrum-Störung erleben sehr hohen schulischen Stress in unterrichtlicher wie sozialer Hinsicht; Schulbegleitungen und Lehrer/Innen beschweren sich häufig über ihr unterschiedliches bzw. nicht zu vereinbarendes Verständnis von Rollen, Zielorientierung und Aufgabenverteilung; nicht selten werden Kinder und Jugendliche um- oder ausgeschult; Schule und Träger der Eingliederungshilfe vereinbaren manchenorts gar nichts (außer der Tatsache, dass die Schulbegleitung stattfindet), in anderen Fällen gibt es rudimentäre Absprachen, manchenorts aber auch sehr gut funktionierende Aufgabenverteilungen und Kooperationsvereinbarungen. Diese Situation zumindest in ihren Grundlagen zu klären wird zusätzlich dadurch erschwert, dass die Vorgaben der Eingliederungshilfe bzgl. der schulischen Assistenz auf kommunaler Ebene unterschiedlich ausgelegt werden (z.B. segmentierte Einzelfallhilfe oder Einzelfallhilfe in Pool-Lösungen).

Letztendlich ist festzustellen, dass die notwendige Verzahnung der Akteure aus Bildungswesen (Schule), Jugendhilfe und Wohlfahrtspflege (Leistungen der Eingliederungshilfe, insbesondere Schulbegleitung und Autismustherapie) und Angehörigen oft nicht so gelingt, dass die Schülerinnen und Schüler am Unterricht in geeigneter Weise teilhaben können.

In Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Planung und Evaluation sozialer Dienste (ZPE) der Universität Siegen wird daher untersucht, welche Rollen die unterschiedlichen Akteure im Zusammenhang des Schulbesuchs von Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störung einnehmen und wie das Zusammenspiel der Beteiligten so gestaltet werden kann, dass Barrieren überwunden und positive Wirkungen verstärkt werden können.

Die Untersuchung

Die Untersuchung gliedert sich in drei wesentliche Teile:

  • Eine Metaanalyse empirischer Untersuchungen zum Thema schulische Assistenz, insbesondere schulische Assistenz für Schüler/Innen mit Störungen im autistischen Spektrum.
  • Interviews mit Experten, die mit dem Thema der schulischen Assistenz für Schüler/Innen mit Autismus befasst sind oder selbst schulische Assistenz erhielten.
  • Als Schwerpunkt die Untersuchung konkreter Fallbeispiele. Hierzu werden Interviews geführt, mit denen die Erfahrungen und Einschätzungen der Akteure erhoben werden.

Die Beteiligten

Die Befragung von Experten sowie die Untersuchung konkreter Fallbeispiele zentrieren sich auf drei Regionen Nordrhein-Westfalens, die städtische wie ländliche Regionen abbilden: Köln, Bielefeld, Siegen und Umfeld, Hilden.
Experten auf übergreifender Ebene. Befragt werden Verantwortliche auf struktureller Ebene - Träger von Assistenzdiensten/ Schulbegleitungen, Fachleute der Eingliederungshilfe, sowie die untere Schulaufsicht/Schulamt und Rektoren. Als weitere Experten kommen Personen mit Autismus zu Wort, die selbst während ihrer Schulzeit schulische Assistenz in Anspruch nahmen.
Schüler/Innen mit Autismus und Akteure des Umfeldes. Ein wesentlicher Aspekt der Untersuchung ist die Klärung von gegenseitigen Erwartungen und Aufgaben der Akteure im Umfeld der Schüler/innen sowie der Schüler/Innen selbst. Befragt werden hier Eltern, Lehrer/Innen, schulische Assistenten/Innen, Therapeuten/Innen und ggf. weitere Beteiligte, wo es möglich ist auch die Schüler/Innen selbst.

Forschungsmethoden

Das Forschungsvorhaben ist als Metaanalyse und qualitative empirische Untersuchung (fokussierte Interviews) angelegt, die Ergebnisse werden inhaltsanalytisch ausgewertet.
Metaanalyse. In der Analyse bisheriger Forschungen und deren Ergebnisse zu schulischer Assistenz allgemein sowie spezifisch für Schüler/Innen mit Störungen im autistischen Spektrum werden wesentliche Aspekte des Feldes herausgearbeitet. Erkenntnisse daraus fließen u.a. in die Interviewleitfäden ein.
Interviews. Die Ergebnisse der Metaanalyse bilden einen Eckpfeiler in der Erstellung der Interviewleitfäden. Zweiter Eckpfeiler der Leitfäden sind Erkenntnisse aus z.T. bereits stattgefundenen explorativen Interviews mit Akteuren des Feldes einschließlich ehemaliger autistischer Schüler/Innen mit schulischer Assistenz. In gleicher Weise sichten und verwenden wir Empfehlungen die in den einzelnen Bundesländern zur Verfügung stehen. Erkenntnisse aus den Experteninterviews können ergänzend in die fallbezogenen Interviews einbezogen werden.
Die Interviews werden am Schulbesuch des/der betroffenen Schülers/Innen ausgerichtet, um aus verschiedenen Perspektiven die Entwicklungen, Unterstützungsformen, Aufgabenverteilungen und Kooperationen auszuloten.
Auswertung. Die Interviews werden unter verschiedenen Perspektiven inhaltsanalytisch ausgewertet. Herauszuarbeiten ist, welche Barrieren einer gelingenden Kooperation entgegenstehen und umgekehrt: welche positiv wirkenden Faktoren gelingender Netzwerkarbeit sich identifizieren lassen, welche wirksamen Netzwerkkonstruktionen vorhanden sind und welche Beispiele befriedigender Verläufe von Assistenz und Unterstützungsprozessen (befriedigend aus Sicht der Akteure) sich identifizieren lassen.

Das Endprodukt

Die Ergebnisse und Erfahrungen der Untersuchung werden in Empfehlungen zur Unterstützung von Schüler/Innen mit Autismus-Spektrum-Störung umgesetzt, deren Schwerpunkt die schulische Assistenz in einem unterstützenden Netzwerk sein wird. Sie sollen zu mehr Klarheit in der Aufgabenverteilung beitragen, eine gemeinsame Zielformulierung der Beteiligten unterstützen und eine Orientierung in der Gestaltung der Kooperation geben. In Form eines Manuals werden u.a. 'Best Practise'- Beispiele vorgestellt werden, die Hinweise für positive Weiterentwicklungen enthalten und zur Reflexion anregen.

Datenschutz

Das Einverständnis der Eltern und der Datenschutz sind selbstverständlich. Alle personenbezogenen Interviews finden nur mit Einverständnis der Eltern statt. Die Inhalte der Interviews werden nur den Mitarbeitern der Universität Siegen bekannt; sie unterliegen der Schweigepflicht. Bei Veröffentlichung werden die Informationen anonymisiert – weder die Namen von Personen noch die Orte und Namen von Schulen, sozialen Diensten oder anderen Organisationen werden genannt.

Projektgruppen

Koordination:
Klaus Wollny, Autismus Landesverband NRW
Ulrich Sickmann, Autismus Landesverband NRW/ Bonn
Silke Mertesacker, Lebenshilfe Köln
Markus Schneider, Assistenzdienst FRIDA, Bielefeld
Elke Carolus, Region Siegen